Die Opferrolle

Was ist die Opferrolle? Es ist ein Zustand, in dem wir unserem Schicksal bzw. anderen Personen oder Umständen die Macht über uns geben. Oft fühlen wir uns wie der Ball in einem Fußballspiel. Uns ist etwas schreckliches widerfahren oder wir hatten ein frustrierendes Erlebnis. Wir haben einen Menschen verloren, oder einen Job. Das Auto ist wieder zusammengebrochen oder die Kaffeeschale ist runtergefallen und zerbrochen. Egal wie groß bzw. wie klein das Ereignis ist. Wir können diese Umstände, die uns widerfahren nicht beeinflussen. Es wird immer wieder vorkommen. Wir können aber unsere Reaktion auf diese Vorkommnisse sehr wohl beeinflussen. Sicher schreibt es sich sehr leicht, doch es ist die Realität.

Es gibt einen Spruch: Schmerz ist unvermeidlich, leiden ist aber freiwillig. Und es trifft den Nagel genau auf den Kopf. Es ist eben unsere Entscheidung ob wir leiden oder nicht.

Der Körper möchte immer den Weg des geringsten Widerstandes gehen. Deshalb fühlt es sich auch schön an, Verantwortung abzugeben. Immerhin ist dann die Last weg. Doch dieses Gefühl währt nur kurz. Es kommt nach kurzer Zeit eine neue, viel unangenehmere Last dazu, die uns noch viel mehr runterzieht. Die Last der Ohnmacht. Die Last, sich verbiegen zu müssen, um anderen zu gefallen, die Last sich Regeln zu unterwerfen, die unnatürlich für uns sind und auf die wir keinen Einfluss zu haben scheinen, die Last Dinge zu tun, die wir nicht wollen. Alle diese Dinge wirken sich viel schlimmer auf unsere Psyche aus, also die Last, Verantwortung zu übernehmen und in Kontrolle zu sein. Nichts ist doch schöner als das zu tun, was das eigene Gefühl einem sagt.

Wir werden schon als Kinder in diese Situation hinein erzogen. Als Kleinkinder haben die Eltern die Macht über uns (zwangsläufig). Dann in der Schule sind es die Lehrer, später dann der Boss im Job. Es findet über das ganze Heranwachsen ein Prozess statt, der uns so an diese Opferrolle gewöhnt, dass wir nicht einmal wissen, dass es eine andere Möglichkeit gibt. Die Möglichkeit sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Nach den eignen Regeln zu leben und seinen eigenen Gefühlen Freiraum zu schenken. In unserem Erziehungsprozess werden wir so oft bevormundet und darauf hingewiesen, wie wir Dinge machen sollen bzw. nicht machen sollen, dass wir unterbewusst zu glauben beginnen, dass etwas mit uns nicht stimmt. Also dass unsere Gefühle falsch liegen. Wir beginnen mehr und mehr den Worten der Personen zu glauben, die die Macht über uns haben und unterdrücken immer mehr unsere eigenen Gefühle, bis diese für uns nicht mehr spürbar sind. Wir werden also automatisch schon darauf getrimmt fremdbestimmt zu sein. Unsere eigenen Gefühle zählen nicht mehr, nur noch die Regeln und Worte der anderen. Es ist kein Wunder, dass junge Menschen nach dem Abschluss der Schule keine Ahnung haben, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Ihnen wurde ihr ganzes Leben lang erklärt, was sie lernen sollten, was sie tun sollten, was sie essen sollten…. usw. Niemand hat sie darauf vorbereitet jetzt selbst auf eigenen Beinen zu stehen und den eigenen Gefühlen zu folgen, denn wir haben es uns abgewöhnt auf diese zu hören.

Es ist für mich kein Wunder, dass Social-Media immer mehr an Popularität gewinnt. Es basiert darauf, Anerkennung bei anderen Menschen zu suchen, da wir sie von uns selbst nicht bekommen. Je mehr Follower ich habe und je „Likes“ ich bekomme, desto besser geht es mir. Man muss sich die Frage stellen, wann man zum letzten Mal etwas getan hat, das einzig und allein für einen selbst war. Nicht um irgendjemand anderem zu gefallen und Anerkennung von außen zu bekommen. Es ist nicht einfach. Es ist wahrscheinlich immer ein Bruchteil Motivation dabei jemand anderen zu beeindrucken.


Wie komme ich also raus aus dieser Opferrolle? Frustrierende Erfahrungen sind der beste Weg, um sich selbst zu analysieren. Jedes Mal, wenn man selbst dabei ist frustriert zu reagieren muss man in sich gehen und versuchen der Sache auf den Grund zu gehen. Hier zählt der Satz: „Glaub nicht immer alles was Du denkst“. Viele Gefühle beruhen auf Erfahrungen und Glaubenssätze, die wir uns fälschlicher Weise angeeignet haben und gar nicht mehr bewusst wahrnehmen. Wir reagieren nur noch und sind wieder das Opfer unserer eigenen Gedanken. Wir müssen einfach ein Bewusstsein für uns selbst aufbauen. Unsere Reaktionen mehr und mehr in Frage stellen. „Warum reagiere ich so?“. „Welcher Gedanke verursacht wirklich dieses Gefühl in mir?“. „Ist dieser Gedanke gerechtfertigt?“. So übernehmen wir mehr und mehr Kontrolle über unsere eigenen Gedanken und Gefühle, lernen wieder bewusst uns selbst wahrzunehmen. Dass jemand anders verantwortlich für unsere eignen Gefühle ist, ist eine absolute Illusion. Es ist immer uns selbst überlassen, wie wir reagieren. Außerdem neigen wir dazu andere auch ungerecht zu behandeln solange wir uns selbst ungerecht behandelt fühlen, um die vermeintlich offene Rechnung zu begleichen. Es ist also eine Art Teufelskreis.

Wenn es um unsere Kinder geht, dann sollten wir einfach die Zügel etwas lockerer nehmen. Von der Rolle des Erziehers etwas wegkommen und mehr die Rolle des Freundes übernehmen. Mehr dem Kind in seinen Erfahrungen beistehen, anstatt ihm zu erklären, wie es etwas eigentlich zu machen hat. Kinder sind ausschließlich von ihren Gefühlen getrieben und wir sollten unseren Kindern immer die Möglichkeit geben, dass sie diese Gefühle ausleben können und die Verbindung zu diesen Gefühlen aufrechterhalten. Angenommen die kleine, 4-jährige Zoe malt den Esstisch mit den neuen Filzstiften an. Sie wollte vielleicht nur den Tisch schöner machen und vielleicht den Eltern eine Freude mit mehr Farben im Esszimmer bereiten. Sie hat nach Ihrem Gefühl gehandelt und hatte ausschließlich Gutes im Sinn. Wenn Sie jetzt mit einer strengen Stimme konfrontiert wird und ihr lautstark erklärt wird, dass sie das nie mehr machen soll und im schlimmsten Fall auch noch bestraft wird, dann hat das schlimme Folgen für die Psyche der Kleinen. Sie wird sich denken, dass Ihr Gefühl sie getäuscht hat und das Vertrauen in dieses Gefühl einen Schritt weit verlieren. Hat sie mehrere diese Erfahrungen wird sie Schritt für Schritt ihre eigenen Gefühle immer mehr hintenanstellen, um den Eltern bzw. anderen zu gefallen und das auch in Ihr Erwachsenenleben tragen. Man sollte sich deshalb immer bewusst sein, wie man den Kindern gegenüber reagiert, da es weitreichende Folgen hat.


Es liegt mir als Kampfkunstlehrer und Vater sehr viel an der Beziehung mit meinen Schülern und Kindern, weshalb ich mir darüber immer wieder viele Gedanken mache und auch etliche Bücher darüber gelesen habe. Ich will aber auch niemandem eine Meinung aufzwingen, sondern lediglich einen Denkanstoß bieten und auch zum Gespräch anregen.


Kung Fu bietet die Möglichkeit sich in einer neuen Art und Weise kennen zu lernen und mit sich selbst in eine neuen Art der Kommunikation einzutreten. Es öffnet also die Tore, um mit seinem eigenen Bewusstsein und den eigenen Gefühlen erneut Kontakt aufzunehmen. Ich rege daher auch immer wieder im Unterricht dazu an sich selbst zu spüren und wahr zu nehmen, um diese Verbindung zu den eigenen Gefühlen zu finden bzw. aufrecht zu erhalten und aus der Opferrolle raus zu kommen oder gar nicht erst rein zu fallen.

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